
Leseprobe
Kapitel 1
Seite 17-25
Es gibt Fragen, die man nicht stellt, weil man Angst vor der Antwort hat.Und dann gibt es Fragen, die man nicht stellt, weil man nie wirklich geglaubt hat, dass man sie verdient.Diese hier gehört zur zweiten Sorte.
Ich saß am Strand und war, soweit ich das beurteilen konnte, in Frieden. Nicht diese erzwungene, angestrengte Art von Frieden, die entsteht, wenn man sich so lange einredet, dass alles gut ist, bis man es selbst glaubt. Sondern etwas Echtes. Etwas, das sich in den letzten Monaten langsam in mir aufgebaut hatte, leise und beständig, wie eine Wurzel, die man nicht sieht, aber die hält.
Ich hatte an mir gearbeitet. An dem, was ich war. Und an dem Schatten, der schon immer neben mir gelaufen war, den ich nur nie angesehen hatte. Es war keine leichte Zeit gewesen. Es war aber die notwendigste gewesen.
Ich hatte mich erst vor Kurzem wieder selbst gefunden. Nach einer langen Zeit des Suchens, des Leidens, des Kämpfens und des langsamen Wiederkehrens zu mir selbst. Ich hatte wieder berührt, was in mir stille Freude macht. Diese ruhige, zuverlässige Anwesenheit bei mir selbst, die hatte ich gefunden. Ich hatte gelernt, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Wunsch zu wachsen und dem Zwang, ständig werden zu müssen. Zwischen dem Streben nach mehr, und dem stillen, mutigen Entschluss, einfach zu sein.
Einfach zu sein.
Nicht besser. Nicht die nächste Version von mir. Sondern das, was man bereits ist, vollständig, unfertig und lebendig. Langsam und achtsam mit mir selbst. Nicht im Tempo der Welt. Sondern im eigenen. Das hatte mich mehr gekostet als alles andere, doch es hatte mir mehr gegeben als alles andere zuvor. Und jetzt saß ich hier.
Der Morgen war kühl, das Licht noch jung und das Meer so ruhig, als würde es auf etwas warten. Ich hatte die Knie an den Körper gezogen, die Hände lose ineinandergelegt, und ließ meinen Blick über das Wasser wandern, über diese endlose, gleichmäßige Weite, die einem das Gefühl gibt, dass die eigenen Gedanken plötzlich mehr Platz haben.
Ich habe keinen Namen in dieser Geschichte. Nicht, weil ich keinen hätte, sondern weil er hier nichts bedeutet. Was ich denke, gehört nicht nur mir. Was ich fühle, ist nicht so einzigartig, wie ich lange geglaubt habe. Dieses Ich ist kein Charakter, dem man von außen zuschaut. Es ist eine Einladung. Ein Spiegel, den man annehmen oder ablehnen kann.
Vielleicht erkennst Du dich. Vielleicht nicht sofort, erst in drei Seiten, vielleicht erst in drei Wochen. Aber wenn irgendwo in diesen Worten ein Gedanke auftaucht, der sich vertraut anfühlt, obwohl du ihn nie so formuliert hättest, dann bist du längst angekommen.
Ich war in Frieden. Bis auf eine Sache. Sie ließ sich nicht wegdenken, nicht wegschweigen, nicht in die Tiefe schieben, wo man Dinge ablegt, die man noch nicht bereit ist anzuschauen. Sie war einfach da. Hartnäckig, leise und vor allem ungelöst: Liebe.
Das Gefühl der Bindung, der Nähe. Nach jemandem, der bleibt, nicht weil er muss, sondern weil er will. Nach dieser besonderen Art von Stille, die nur zwischen zwei Menschen entsteht, die sich wirklich fühlen. Ich wusste nicht, ob das Mut war oder Unruhe. Ob es bedeutete, dass ich bereit war, oder ob da noch etwas in mir war, das ich noch nicht verstand. Aber die Sehnsucht war da.
Ich dachte an Toni. Das tat ich oft. Häufiger, als ich es irgendjemanden gegenüber zugegeben hätte. Dieser Gedanke kam immer dann, wenn ich am Strand saß, als wäre dieser Ort untrennbar mit ihm verbunden, als hätte er sich in den Sand hier eingeschrieben, in das Rauschen der Wellen, in die Luft, die nach Salz schmeckt.
Ich erinnerte mich an den letzten Morgen. Wie ich dort gesessen hatte, und er neben mir, still, wie er immer still war, mit dieser Ruhe, die nicht leer ist, sondern voll. Die Art von Stille, in der man nicht das Bedürfnis hat, etwas zu füllen. In der man einfach sein darf. Wie er sich schließlich bewegt hatte. Langsam, wie immer, ohne Hast, ohne Abschiedsworte, die zu groß gewesen wären für den Moment. Er war ins Wasser geglitten, so selbstverständlich, als wäre das Meer sein eigentliches Zuhause, und ich hatte zugeschaut, wie sein Panzer auf den Wellen schaukelte, wie das Licht auf ihm brach, wie er langsam kleiner wurde. Kleiner und kleiner, bis er verschwunden war.
Ich hatte geweint. Nicht leise, nicht diskret. Ich hatte geweint, wie man weint, wenn etwas endet, das einem mehr bedeutet hat, als man vorher wusste. Dieser unkontrollierbare, ehrliche Schmerz, der sich nicht schämt. Er ist niemals weg, hatte er gesagt. Ich bin immer da. Und ich hatte das geglaubt.
Und gleichzeitig hatte ich in den Monaten danach immer wieder gespürt, wie sehr ich ihn vermisste. Nicht die Gespräche, obwohl ich auch sie vermisste. Sondern ihn. Diese Präsenz. Dieses Sehen, das nicht bewertet. Ich wollte ihn wiedersehen. Ich hatte ehrliche Sehnsucht nach ihm.
Aber bis er da war, oder bis ich aufhörte, auf ihn zu warten, blieb ich einfach allein. Und die Frage, die in mir hochkam, sie breitete sich aus, so wie das Meer. Ohne Ordnung, ohne Struktur und ohne den Versuch der Kontrolle: Was ist Liebe?
Nicht die Liebe, die in Büchern steht. Nicht die Liebe, die man lernt zu sagen, weil sie sich richtig anhört. Sondern die echte. Die, die im Alltag passiert, in den kleinen, unscheinbaren Momenten zwischen zwei Menschen, im Schweigen, im Blick, in dem Raum zwischen einem Satz und dem nächsten. Ich hatte sie gesucht. Das wusste ich. Ich hatte sie in Menschen gesucht, in Beziehungen, in Momenten, die sich aufgeladen anfühlten und dann wieder entleerten, bevor ich wirklich begriffen hatte, was dort gewesen war. Und jedes Mal, wenn etwas endete, hatte ich mich gefragt: War das Liebe? Oder war das meine Vorstellung von Liebe? Ich wusste es nicht. Ich dachte an die Menschen, die ich geliebt hatte. Oder die ich zu lieben geglaubt hatte. Die Intensität, die sich wie Beweis angefühlt hatte, dieses Aufleuchten, wenn jemand plötzlich wichtig wird, wenn sich die Welt für einen Moment verschiebt. Ich kannte dieses Gefühl. Ich hatte es oft genug erlebt. Und trotzdem, es war nie ruhig gewesen. Nie einfach. Immer begleitet von dieser stillen, unterschwelligen Anspannung und Selbstzweifel, diesem permanenten Abgleichen, ob ich gerade genug bin, ob ich zu viel bin, ob das hier hält oder vielleicht bald zerbricht. War das normal? War das Liebe? Oder hatte ich Liebe so lange mit diesem Gefühl verwechselt, dass ich nicht mehr wusste, wie das eine ohne das andere aussieht?
Ich zog eine Linie in den Sand, ohne es bewusst zu tun. Die nächste Welle kam und löschte sie aus. Ich sah zu, wie das Wasser sie verwischte, gleichmäßig, unaufgeregt, ohne Kommentar.
Vielleicht war das die ehrlichste Antwort, die ich bekommen konnte. Aber ich wollte es trotzdem verstehen. Ich wollte nicht einfach weiterleben und so tun, als wäre diese Frage nicht da. Als wäre das keine Wunde. Als würde man irgendwann aufhören, nach etwas zu suchen, das man nie wirklich gekannt hat. Ich wollte es wissen. Und ich wusste, mit wem ich darüber sprechen wollte.
Ich schaute aufs Meer. Irgendwo dort draußen, in dieser endlosen, ruhigen Weite, hatte er sich verabschiedet. Irgendwo dort hatte sein Panzer auf den Wellen geschaukelt, bis er nicht mehr zu sehen gewesen war.
Er ist niemals weg. „Ich bin immer da“, hatte er gesagt, und ich glaubte ihm. Aber Glauben und es annehmen sind zwei verschiedene Dinge, und in diesem Moment, an diesem Morgen, mit dieser Frage in mir, wollte ich nicht nur glauben. Ich wollte ihn sehen und mit ihm sein.
Ich ließ meinen Blick über das Wasser wandern, langsam, suchend, ohne wirklich zu wissen, wonach. Das Meer war ruhig. Die Wellen kamen und gingen. Möwen zogen ihre Kreise. Alles war so, wie es immer war. Und dann, war plötzlich eine Bewegung zu sehen. Weit draußen, kaum mehr als ein Schatten unter der Wasseroberfläche, aber sie hatte etwas, diese bestimmte, ruhige Gleichmäßigkeit, die ich so gut kannte. Mein Atem stockte. Mein Körper war sofort wach, angespannt und bereit: Toni!
Ich stand halb auf, die Augen auf diese Stelle gerichtet, mein Herz schlug schneller. Die Bewegung kam näher, oder täuschte ich mich? Das Licht brach sich auf dem Wasser, spielte mit den Oberflächen, ließ Dinge entstehen und verschwinden, die vielleicht nie da gewesen waren. Ich blinzelte: Nichts. Nur das Meer. Nur die Wellen. Nur das Licht, das mit mir spielte.
Ich ließ mich langsam zurücksinken. Spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog, nicht dramatisch, nicht überwältigend, aber spürbar. Diese bestimmte, leise Enttäuschung, die entsteht, wenn man sich zu sehr gewünscht hat, dass etwas wahr ist, und dann merkt, dass man es sich nur eingebildet hat. Ich atmete aus. Natürlich war er das nicht.
Und in diesem Moment, in diesem stillen, unscheinbaren Moment der Ernüchterung, wurde mir etwas klar, das ich den ganzen Morgen schon ignoriert hatte, ohne es wirklich zu realisieren, wie sehr ich ihn brauchte. Nicht aus Schwäche. Sondern weil manche Fragen
Eine leise Geschichte, die laut in dir wirkt.
